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McKylan Mullins, pexels

Introvision – Schritt für Schritt zu innerer Klarheit und Ruhe

Introvision: ein wissenschaftlich fundierter Ansatz

Der achtsamkeitsbasierte Ansatz Introvision blickt auf über 40 Jahre Forschungsarbeit unter Federführung von Prof. Angelika C. Wagner der Universität Hamburg zurück. Sie geht von der Annahme aus, dass wir Menschen wahrgenommene Informationen auf zwei Weisen verarbeiten: entweder nicht-wertend und mit weitgestellter Aufmerksamkeit oder wertend mit tendenziell enggestellter Aufmerksamkeit.

Während der Informationsverarbeitung wird der wahrgenommene IST-Zustand zunächst mit dem SOLL-Zustand verglichen. Stimmt die Situation, das Gefühl, die Erwartung überein mit dem, wie es sein soll, läuft die Informationsverarbeitung ungestört weiter. Doch was passiert, wenn eine Diskrepanz auftaucht?

Wie die Informationsverarbeitung ins Stocken gerät

Wie gehen wir mit der wahrgenommenen Information um, wenn sie nicht dem Soll-Zustand entspricht? Wie klingt unserer innerer Dialog, wenn die Situation anders als erwartet eintritt? Was passiert mit unserem Puls, wenn in einem Gespräch unangenehme Fragen gestellt werden, auf die man keine Antwort hat? Wenn eine Diagnose doch nicht so harmlos ist wie bisher angenommen? Wenn die Zeit bis zum Abgabetermin eines Projektberichts definitiv nicht ausreicht?

Die Introvision geht davon aus, dass wir dann entweder konstatierend – also nicht-wertend – oder imperierend wahrnehmen. Imperierend bedeutet, dass die Wahrnehmung durch einen Befehlston („es darf nicht sein, dass…!“), durch eine enggestelltere Aufmerksamkeit und einer emotionalen Anspannung bis hin zu einem inneren Alarmzustand geprägt ist. An dieser Stelle gerät unser informationsverarbeitendes System ins Stocken. Um diesen Zustand aushaltbar zu machen und handlungsfähig zu bleiben, greifen wir in unsere Informationsverarbeitung ein. Dies tun wir beispielsweise, indem wir uns die Situation schönreden („alles nicht so schlimm…“), sie ins Lächerliche ziehen, sie theoretisieren, uns in sie hineinsteigern, etwas erfinden oder sie schlichtweg ignorieren.

Diese Strategien werden in der Introvision Konfliktumgehungsstrategien genannt, denn mit ihnen umgehen wir den zugrundeliegenden inneren Konflikt. Das, was zwar Teil des Bewusstseins ist, darf gleichzeitig nicht sein. Zum Teil über Jahre eignen wir uns Strategien an, mit denen wir genau das erreichen: Wir umgehen den inneren Konflikt, nur auflösen tun wir ihn dadurch nicht. Das ist nicht verwerflich, doch wir perfektionieren sie und bekommen es manchmal gar nicht mit, dass wir sie anwenden. Und je automatisierter wir diese Strategien anwenden, umso weniger bewusst sind sie uns. Das kann dazu führen, dass wir die Wahrnehmung verzerren und in manchen Situationen anders handeln, als wir es eigentlich gerne würden.

Introvision führt dazu, dass die Informationsverarbeitung wieder ungestört laufen kann

Introvision heißt wörtlich übersetzt ‚Innenschau‘ und hat das Ziel, dass die Informationsverarbeitung wieder ungestört läuft, ohne dass wir in sie mittels der beschriebenen Konfliktumgehungsstrategien eingreifen. Wir werden uns der automatisierten Strategien wieder bewusster und können erkennen, was wir da eigentlich umgehen. Was liegt dahinter? Was ist unangenehm an dem Kern, weshalb man die liebgewonnene Strategie anwendet? Indem man sich nicht-wertend dem Unangenehmen, dem Schlimmen, dem persönlich Katastrophalen zuwendet, verliert es – so die Introvision – an Schrecken. Automatismen werden gelöst und die Handlungsfähigkeit erweitert.

Introvision ist somit ein aufdeckender und kein überschreibender Ansatz. Sie setzt die absichtliche Lenkung der Aufmerksamkeit methodisch ein. Das Herzstück der Introvision ist das Konstatierende Aufmerksame Wahrnehmen (kurz KAW) – eine besondere Wahrnehmungsform, die zwar in allen Menschen angelegt ist, aber im Alltag nicht immer umgesetzt werden kann. Je geprägter der Alltag durch „höher – schneller – weiter“ ist, desto weniger Nischenzeit finden wir für die nicht-wertende innere Weite der konstatierenden Haltung.

Manche Themen können mit Introvision in der Selbstanwendung bearbeitet werden. Hierfür wurden Einführungskurse konzipiert wie beispielsweise das 4-teilige Webinar „Gelassen sein, auch wenn der Wind schärfer weht“, die Ihnen das notwendige Hintergrundwissen zu den Introvisionstheorien vermitteln als auch erste praktische Erfahrungen mit der Methode ermöglichen. Bei Themen, die komplizierter und belastender sind, bietet es sich an, außenstehende Hilfestellung durch eine qualifizierte Introvisionsberater*in in Anspruch zu nehmen. Das hier genannte 4-teilige Webinar ist eine gute Vorbereitung für ein solches Beratungsgespräch.

Literatur Empfehlungen
© Thomas-Bethge, G Images Pro

Für Leseratten

Empl, Monika; Spille, Petra; Löser, Sonja (2017): Introvision bei Kopfschmerzen und Migräne. Die innovative Methode zur Selbsthilfe. München: mvg Verlag.

Wagner, Angelika C. (2011): Gelassenheit durch Auflösung innerer Konflikte. Mentale Selbstregulation und Introvision. 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Fassung. Stuttgart: Kohlhammer.

Wagner, Angelika C.; Kosuch, Renate; Iwers-Stelljes, Telse (2016): Introvision – Problemen gelassen ins Auge schauen. Eine Einführung. Stuttgart: Kohlhammer.

Buth, Britta (2012): Introvision als Coachingmethode für Tinnitusbetroffene. Eine empirische Studie. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften.

Löser, S. (2006): Empirische Studien zur Wirksamkeit von Introvision – Übersicht und Diskussion der Ergebnisse (Diplomarbeit, Universität Hamburg). Verfügbar unter: www.sonja-loeser.de

Oerding, Judith (2014): Mentale Blockaden weiblicher Führungsnachwuchskräfte in Situationen des beruflichen Aufstiegs. Empirische Erhebung und inhaltsspezifische Analyse. Hamburg: Kovac.

Pereira Guedes, N. (2011). Dauerhafte Auflösung chronischer Nackenverspannungen durch Introvision: Eine empirische Untersuchung einer pädagogisch-psychologischen Intervention zur mentalen Selbstregulation (Dissertation, Universität Hamburg). Verfügbar unter: http://ediss.sub.uni-hamburg.de/volltexte/2011/5035/pdf/Dissertation_Guedes.pdf

Spille, Petra (2005): Die Theorie subjektiver Imperative als pädagosche-psychologischer Zugang zu Sportspielen. Eine explorative Studie. (Diplomarbeit, Universität Hamburg. Verfügbar auf Anfrage)

Burisch, Matthias (2014): Das Burnout-Syndrom. Theorie der inneren Erschöpfung – zahlreiche Fallbesispiele – Hilfen zur Selbsthilfe. Wiesbaden: Springer

Chang-Gusko, Yong-Seun; Heße-Husain, Judith; Cassens, Manfred; Meßtorff, Claudia (2019): Achtsamkeit in Arbeitswelten. Für eine Kultur des Bewusstseins in Unternehmen und Organisationen. Wiesbaden: Springer Gabler.

Ott, Ulrich (2010): Meditation für Skeptiker. Ein Neurowissenschaftler erklärt den Weg zum Selbst. München: O.W. Barth.

Pert, Candace B. (2005): Moleküle der Gefühle. Körper, Geist und Emotionen. Hamburg: rororo.

Schubert, Christian (2015): Psychoneuroimmunologie und Psychotherapie. Stuttgart: Schattauer.

Schubert, Christian; Amberger, Madeleine (2016): Was uns krank macht – was uns heilt. Aufbruch in eine neue Medizin. Das Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele besser verstehen. Munderfing: Fischer & Gann.

Siegel, Daniel J. (2007): Das achtsame Gehirn. Freiamt im Schwarzwald: Arbor-Verlag.

Siegel, Daniel J. (2012): Mindsight. Die neue Wissenschaft der persönlichen Transformation. München: Goldmann.