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Freundschaft schließen mit der eigenen Angst?

Kennen Sie die Szene aus dem Märchen Pu der Bär von A. A. Milne, in der Ferkel seinen Freund Pu darin unterstützt, einen schwierigen Tag zu verarbeiten? Ferkel bietet ihm an, darüber zu reden, was er jedoch ablehnt. Während er seinen schwierigen Tag mental durchgeht, bleibt Ferkel einfach schweigend neben ihm sitzen, überzeugt davon, schwierige Tage werden einfacher, wenn man weiß, jemand ist für einen da.
Schafft man es, die eigene Angst neben sich sitzen zu lassen, mit der Zeit nicht-wertender und ruhiger werdend, nähert man sich dem Gefühl, wie die eigene Angst freundschaftlich umarmt werden könnte. Es ist ein Prozess, den Introvision unterstützen kann.
In unserer Arbeit als Introvisionsberaterinnen begegnen uns Angst und Panik unserer Klient*innen mal als Ursache und mal als Symptom. Unterschiede und Grenzverläufe erörtert zum Beispiel Fritz Riemann (2009) ausführlich. Aber wie kann Introvision Betroffene unterstützen? Bei der Recherche zum Thema Angst und Panik entdeckten wir einen Artikel, der nicht nur inhaltlich auf die Aspekte eingeht, die uns in diesem Zusammenhang wichtig sind – er trägt sogar fast den selben Titel, den wir ursprünglich geplant hatten: Die Angst umarmen. Wir beschlossen daraufhin, eine Auswahl von Beiträgen zu „Angst und Panik“ zu erstellen, anstatt alles erneut in eigenen Worten zu schreiben. Diese Empfehlungen finden Sie in den Hinweisen unter dem Text.

© niekverlaan (pixabay)

Introvision: Ein Ansatz zur Prävention bei Angst und Panik

Panikattacken und Angststörungen haben tiefe psychische (unter Umständen auch neurologische) Ursachen, die Krankheitswert haben. Dies zu verstehen entlastet viele Betroffene bereits. Die Ursachen können mit einem Ansatz zur Selbstregulation wie Introvision nicht direkt behoben werden. Introvision bietet jedoch präventive und selbstreflexive Maßnahmen, um anbahnende Attacken frühzeitiger zu erkennen und im Nachgang behutsam zu verarbeiten. Wir ermutigen betroffene Klient*innen, sich wie Pu der Bär in der beschriebenen Szene im Nachklang mental mit der Attacke zu befassen, um für die Zukunft gewappnet zu sein. Hier bietet die konstatierende Haltung der Introvision einen enormen Mehrwert. Betroffene sind verständlicherweise über ein Ende der Attackenphasen mehr als froh und erleichtert. Es ist eine große Herausforderung, sich dem Umgang mit zukünftigen Attacken auseinandersetzend zu widmen. Es gilt zunächst zu akzeptieren, es könne in der Zukunft möglicherweise erneut eine Attacke eintreten: „Es ist so, die Möglichkeit besteht, dass ich wieder eine Panikattacke bekomme.“ Wer sich mit Introvision bereits befasst hat, erkennt hier sicherlich die konstatierende Haltung.

In der Panik schwindet die Kontrolle

Auf der Psychotonus-Skala von Prof. Dr. Angelika C. Wagner, der Urheberin von Introvision, ist der Zustand „Panik“ der höchsten Stufe zugeordnet. Hier greifen keine Kontrollmechanismen mehr, die wahrgenommenen Gefühle beanspruchen die gesamte Aufmerksamkeit – ein nur schwer auszuhaltender Zustand (Wagner et al., 2016, S. 24ff). Selbstregulation ist nicht mehr möglich und somit auch nicht die Vorgehensweise der Introvision. Es gilt hier herauszufinden, was Betroffenen hilft, diesen Zustand wieder zu verbessern. Neben Atem- und anderen Körperübungen kann das wiederholende Konstatieren passend sein: „Ich habe eine Panikattacke. Es ist keine lebensbedrohliche Situation, auch wenn es sich so anfühlt.“ Dieser Zustand ist ungeeignet, um sich auf die Suche nach dem Kern des Unangenehmen zu machen. Zwar ist das Ziel der Introvision, den Kern mit der Methode „Konstatierendes Aufmerksames Wahrnehmen“ in den Fokus der Aufmerksamkeit zu nehmen, aber: Alles zu seiner Zeit!

Was hilft im Notfall bei Angst und Panik?

Ist die betroffene Person nicht mehr in dem eskalierenden inneren Konflikt und somit in der Lage, sich auf mentaler Ebene wie Pu der Bär mit „dem schwierigen Tag“ auseinander zu setzen, kann eine Art „Notfallkoffer“ erarbeitet werden. Was hat zur Verschlimmerung des Zustands geführt? Was hat gut getan? Was würde die betroffene Person sich wünschen, auf dem Weg zur nächsten Attacke oder währenddessen umsetzen zu können?

Dauer-Angst hat Nebenwirkungen

Oftmals wird von einer „Angst vor der Angst“ berichtet, die zur Verschlimmerungsdynamik der Attacke beiträgt und einen Dauerzustand von Angst befeuern kann. Ein Dauerzustand von Angst ist nicht nur emotional und mental anstrengend, sondern auch auf körperlicher Ebene bedrohlich ungesund: Hierzu gibt es zahlreiche Veröffentlichungen zum Beispiel zur Psycho-Neuro-Immunologie mit vielen langfristigen gesundheitsgefährdenden Folgen, die man als Laie gar nicht bedenkt.
Erkennen Betroffene, dass sie Angst vor der Angst haben, fühlen sie meistens eine Art Entlastung. Hier sehen sie die Möglichkeit – im Gegensatz zu einer akuten Panikattacke – gegensteuern zu können. Sie erleben, wie ihr Ohnmachtsgefühl etwas abnimmt, denn es ist eine andere Ebene: Angst vor einer Erkrankung zu haben, ist „normal“. Panikattacken als Erkrankung zu konstatieren, während man auf eine zusteuert oder sich gar in einer befindet, ist nahezu unmöglich. Denn hier werden parallel Erinnerungen an negativ-konnotierte Symptome vergangener Panikattacken und beispielsweise auch Todesängste (re-)aktiviert. Je häufiger Betroffene bewusst erleben, wie ihr Ohnmachtsgefühl zwischen den Attacken abnimmt, umso besser kann sich der Körper später auch daran erinnern und den Zustand abrufen. Diese Erfahrung ist eine sehr wertvolle selbstregulative Ressource, um anbahnende Panikattacken zu erkennen und aufpassen zu können, nicht noch zusätzlich Öl ins Eskalationsfeuer zu gießen.

Eine achtsame Annäherung an die eigene Angst

Schritt für Schritt wird es möglich, hinter die Angst zu schauen, um zu entdecken, worauf sie aufmerksam machen möchte. Dafür ist die weitgestellte, nichts ausblendende und nicht-wertende Wahrnehmungsform der Introvision (KAW) hilfreich. Das Knäuel um den als lebensbedrohlich empfundenen Zustand wird dadurch langsam lockerer, und Betroffene können besser einzelne Bestandteile ihres inneren Konflikts erkennen.
Die eigene Angst zu umarmen ist allerdings auch ein sehr hoher Anspruch, der unter Druck setzen und somit das Ziel nicht erreichbar erscheinen lassen kann. Daher haben wir hinter den Titel dieses Beitrags auch das Fragezeichen gesetzt. Ihr erst einmal vorsichtig „Hallo!“ zu sagen und schweigend wie Pu und Ferkel nebeneinander zu sitzen, könnte es ermöglichen, die Angst als das ins Leben zu integrieren, was sie ist: Als Warnsignal vor Gefahren, das Stress auslöst. Schafft die betroffene Person diesen Stress durch eine konstatierende Haltung zu reduzieren, lindert sie möglicherweise das Gefühl des Ausgeliefert-Seins während einer Attacke. Und das kann ausgesprochen hilfreich sein, um mit der Attacke umgehen zu können – auch vorbeugend.
Für den nächsten Newsletter erarbeiten wir einen weiteren Artikel zu Angst und Panik. Es erwartet Sie eine konkrete Fallgeschichte aus der Introvisionsberatung. Im Detail wird veranschaulicht, wie die Introvision hilfreich sein kann, aber auch welche großen Herausforderungen einem dabei begegnen.
(Text: Petra Spille und Sonja Löser)

Unsere Lesetipps

Artikel

  • In der Psychologie Heute ist 2015 (Heft 07) der oben genannte Artikel unter dem Titel „Die Angst umarmen“ erschienen. Schöner oder besser als Birgit Schöneberger können wir im Moment auch nicht beschreiben, warum es Sinn macht, sich Ängsten zu stellen und wie das gelingen kann:
 https://www.birgit-schoenberger.de/user-files/pdf/PH_07_2015_s72s77.pdf
  • Hier finden Sie allgemeine sowie medizinische Informationen zu Angst und Angststörungen:
https://www.apotheken-umschau.de/krankheiten-symptome/symptome/angst-und-angststoerungen-737451.html
  • Eine grundlegende Begriffsklärung zum Thema Angst, auch in Bezug auf historische, philosophische und hirnphysiologische Hintergründe:
https://www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/angst/641
  • Hier finden Sie praktische Hilfestellungen zum Umgang mit Ängsten und Anleitungen um sie mit Hilfe von Meditation loslassen zu können:
https://www.emotion.de/work-life-balance/aengste-loslassen-wie-meditation-dabei-hilft

Bücher

Haig, Matt: Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben. dtv, München 2020

Iding, Doris: Die Angst, der Buddha und ich. Nymphenburger, München 2013

Riemann, Fritz: Grundformen der Angst. Reinhardt, 39. Edition 2009

Kast, Verena: Vom Sinn der Angst. Wie Ängste sich festsetzen und wie sie sich verwandeln lassen. 7. Auflage. Herder, Freiburg im Breisgau 2007

Schubert, Christian; Amberger, Madeleine: Was uns krank macht – was uns heilt: Aufbruch in eine neue Medizin: das Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele besser verstehen. Fischer & Gann, Munderfing 2016

Wagner, Angelika C.; Kosuch, Renate; Iwers-Stelljes, Telse : Introvision: Problemen gelassen ins Auge schauen: eine Einführung. Kohlhammer, Stuttgart 2016